600 Jahre Wallfahrtskirche auf dem Dreifaltigkeitsberg

Wer heute den Dreifaltigkeitsberg besucht,   indem er den Kreuzweg geht, mit dem Fahrrad fährt, im Auto oder im Bus auf der Höhe des Berges ankommt, ist bewegt von der  herrlichen Landschaft, dem Ausblick in den Schwarzwald, ja bei günstiger Witterung sogar in die Alpen. Oben angekommen, suchen viele die Stille in der Kirche und ruhen sich aus.  Die Kirche lädt zur Besinnung ein. Der barocke Hochaltar mit dem Gnadenbild der Heiligsten Dreifaltigkeit  mit  Maria,  der Mutter Jesu,  bewegt das Herz und  lässt nachdenklich werden.  An jedem  Werktag der Woche nehmen Gläubige an der Eucharistiefeier in der Kirche teil.  An den  Sonn- und Feiertagen  kommen viele Gottesdienstbesucher aus nah und fern. Sie  feiern mit den Claretinerpatres die Eucharistie und  finden seelsorgerlichen Zuspruch in der Predigt, in Vorträgen und im Beichtgespräch. Touristen  besuchen die Krippenausstellung, bestaunen das Brunnenhäuschen und  werfen einen Blick auf das alte Backhaus, in dessen Nähe seit jüngster Zeit  sich ein Marienbildstock erhebt. Er wurde errichtet als Zeichen der Verbundenheit  mit den hier lebenden Menschen aus Sri Lanka, die hier auf dem Dreifaltigkeitsberg eine neue geistliche Heimat finden sollen. Sri Lanka gehört zum Missionsgebiet der deutschen Claretiner. Die Marienstatue ist eine Nachbildung des Gnadenbildes von Madhu, dem einzigen sehr beleibten Wallfahrtsort auf Sri Lanka. Die Bergwirtschaft sorgt für das leibliche Wohl der Besucher.  Der Dreifaltigkeitsberg  ist nicht wie jeder andere Berg. Er ist für viele Menschen  zur geistigen Heimat geworden.  Die Patres und die Schwestern des heiligen Antonio Maria Claret, der  die Besucher vor dem Klostergebäude von seinem Sockel herab begrüßt,  haben in ihrem Kloster stets offen Türen und offene  Herzen. Ihr Dienst an den Menschen   aus nah und fern  wird  von vielen dankbar wahrgenommen.

Wie hat das alles begonnen? Hermann Hesse schreibt in seinem Gedicht „Stufen“:


„Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne, / Der uns beschützt und der uns hilft, zu leben.“

Vor über 600 Jahren   ereignete sich  dieser  „zauberhafte Anfang“ auf dem Baldenberg, wie der Dreifaltigkeitsberg zu dieser Zeit noch hieß. Wie bedeutsam dieser Anfang war,  bringt Hans Jakob Wörner in seinem Beitrag „Zum Dreifaltigkeitsberg“ in der Stadtchronik  aus dem Jahre 1990 (S.445)  eindrucksvoll zur Sprache. Er stellt fest: „Um das Jahr 1320 trat jenes Ereignis ein, welches das gesamte Schicksal des heiligen Berges bis zum heutigen Tag  bestimmt: das Wunder von der glücklichen Wiederauffindung der verlorene Herde.“ Sie mag uns moderne Menschen allzu wundersam, ja legendär erscheinen, diese  Ge-schichte vom Viehhirten und seinen verlorenen Kühen, doch sie offenbart die tiefe Gottverbundenheit der Menschen zur damaligen Zeit:  Ein Viehhüter verliert auf der Hochfläche des Berges drei seiner Kühe. Er ist verzweifelt über den  herben Verlust. Tagelang schlägt er sich durch den fast undurchdringlichen Waldbewuchs, bis er am dritten Tag „auf diesem abgelegenen verwaldeten Berg-Zinken durch Büsch und Stauden hineingedrungen. Da traf er seine verlorene Viechle beyeinander sitzend mit Freuden an“ (Nachlass Dr. Reinhard Winker in seiner handschriftliche Original-Aufzeichnung „Wallfahrtskirche auf dem Dreifaltigkeitsberg“) Ein „glücklicher Zufall“, so würden wir heute sagen, doch vom Viehhirt auf dem Baldenberg wird berichtet: „Das erste war, dass er Gott umb solche Gnad danket und gelobt,  das Bildnis der Allerheiligsten Dreyfaltigkeit von  seiner selbst erlernten, doch schlechten Kunst daher mit möglichsten Ehren herzustellen und den Ort mit einem solchen Dankzeichen zu verehren.“ (Dr. Winker, a.a.O.) Ein frommes Vorhaben, das den glücklichen  Viehhüter nach dem Auffinden der verlorenen Kühe beseelt! Er will ein Bild der Heiligsten Dreifaltigkeit schnitzen und am Fundort als ein Zeichen  seiner  Dankbarkeit Gott gegenüber aufstellen.  Sein Plan aber wird durchkreuzt. Erstaunt, ja erschrocken „bemerkte er alsbald auff selbiger Stätt einen fast verwachsenen Bildstock. Er säuberte ihn vom Gemüss und Übergewächs und entdeckte ein altes zimblich versehrtes Bild der Allerheiligsten Dreifaltigkeit. Er erkannte zu seiner Verwunderung und noch größeren Freude, dass der Himmlische Vatter seinen lieben sohn in den Schoss und Armben habe und der Heylige Geist zwischen beiden seye“. Diesem Bild galt nun seine ganze Aufmerksamkeit und Verehrung. Er baute um das Bild herum aus Holz eine Kapelle. So wurde das wunderbare Geschehen auf dem „Baldenberg“  öffentlich. Immer mehr Menschen suchten  diese Kapelle der Allerheiligsten Dreifaltigkeit auf, um in ihren Nöten wie einst der Viehhüter Gottes Nähe und Hilfe zu erfahren. Die Wallfahrt zur Dreifaltigkeit begann. Im Jahre 1334 hatte der Papst das Fest der Dreifaltigkeit  in der Kirche eingeführt und so den Weg zur Verehrung gewiesen.

Für die Zeit um 1400 herum ist in den Aufzeichnungen noch von einem „Hüttlein oder Capelle von Holz“  die Rede. Die Wallfahrt muss inzwischen beträchtlich zugenommen hab- en, denn  man entschloss sich,  die „Capelle aus Holz“ durch eine „gemauerte Capell uff dem Berg“ zu ersetzen.  Diese steinerne  Kapelle, die „Vorgängerkirche“  unserer heutigen Kirche auf dem Dreifaltigkeitsberg, wurde,  so  ist in den Aufzeichnungen dokumentiert, „am 19. August  1415 von Weihbischof Konrad von Konstanz zu  Ehren der Heiligen  Dreifaltigkeit und auch aller Heiligen eingeweiht“. Am gleichen Tag schlichtet der Weihbischof gemeinsam mit Ulrich Kozner, Kirchherr und Dekan zu Mühlheim a/D die Meinungsverschiedenheiten zwischen dem damaligen Kirchherrn  und der Pfarrgemeinde zu Spaichingen über das Opfer, „das auf den Altar und in den Opferstock falle“,  und begründet die Bildung einer besonderen Kapellenpflege.  Dies ist die erste Urkunde zur Geschichte der Wallfahrt zur „Allerheiligsten Dreifaltigkeit  uff dem Berg zu Spaichingen“.  Die Wallfahrtskirche auf dem Dreifaltigkeitsberg kann in diesem Jahr ihr 600-jähriges Bestehen feiern.

Die Wallfahrtskirche, die „ gemauerte Capell“   aus der damaligen Zeit,  besteht nicht mehr. Im Laufe der Jahrhunderte hat sie sich  gewandelt. Für das Jahr 1592 berichten die Aufzeichnungen: Die im Jahre 1415 geweihte Dreifaltigkeitskapelle wird „umb ein nambhafftes erweitert und ganz erneuert“, da sie für die im Laufe der Zeit vermehrte Anzahl der Brüder und Schwestern der Bruderschaft „viel zu eng worden, darumb selbe zu erweitern die not heischt“. Diese erweiterte Kapelle wurde im Jahre 1668 abgebrochen. Man hatte den Bau einer neuen Kirche ins Auge gefasst und am 26. Juli 1666 den Grundstein gelegt, „in Anwesenheit von neun Priestern“. Bischof Franz Johann zu Konstanz hatte den Neubau genehmigt. Die Verwirklichung des Neubaus, wenige Jahre  nach  dem Ende des Dreißigjährigen Krieges, zog sich lange hin. Die Chronik vermerkt: „Am 14. Mai 1673 weihte Georg Sigismund, Weihbischof zu Konstanz, das neue Gotteshaus in der Ehr der Allerheiligsten Dreyfaltigkeit in Anwesenheit von 21 Priestern.“

Damit während der mehrjährigen Bauzeit die Gottesdienste  gefeiert werden konnten, wurde „das heilige Messopfer  auf einem beweglichen Altar (im Rohbau) dargebracht“. Dr. Winker stellt in seinen Aufzeichnungen zu diesem Neubau der Wallfahrtskirche fest: „Der Neubau hatte im Kern denselben Grundriss wie die heutige Kirche. Die Möglichkeit einer Erweiterung ist augenscheinlich.“  Das Längsschiff der heutigen  Kirche  entspricht der räumlichen Größe  der  Kirche aus dem Jahre 1673. Hundert Jahre später (1764 – 1771) erfolgte dann die „Erweiterung“ der Kirche im barocken Stil. Das Seitenschiff, die Kuppel und der Chorraum  kamen hinzu, der Grundriss der Kirche wurde kreuzförmig.

Die Kirche aus dem Jahre 1673 barg Schätze, die 100 Jahre später der heutigen Kirche zugutekamen. Im Jahre 1682 wird „Maister Johann Schupp, burger und bildhauer in Villingen“  damit beauftragt, „die bilder zuo dem altar zu fertigen“. Am 9. Juni 1683 wird sein Auftrag am Altar noch erweitert, „annoch zwen große  engel neben den  säulen  zu fertigen“.  Im gleichen Jahr wird „ Joseph Sprenger, burger und maler in Rottweil“ gebeten, „ den hohe altar zu fassen“.  Der Hochaltar der Kirche von 1673 war so großartig, dass im Bruderschaftsbüchlein aus dem  Jahre 1683 vermerkt werden konnte: „Der neue  Hochaltar ist ein stattliches Meisterwerk in seiner Art.“

Am 21  Juli 1760 schreibt Wallfahrtsdirektor Pfarrer Johann Baptist Knab zu Spaichingen an die Oberpfleger der Dreifaltigkeitsbruderschaft, „dass auch das Gotteshaus zur Vermehrung der Ehr Gottes zu erweitern wäre“. Nach langen Verhandlungen  ging man in den Jahren 1761 – 1767 an die Ausführung des Bauwerks.  Der Hochaltar aus dem Jahre 1681 lässt im Vergleich mit dem Hochaltar von 1765 klar erkennen, dass die von Bildhauer Johann Schupp geschaffenen Plastiken „im wesentlichen nunmehr in und an die Chorwand gesetzt wurden. Um diese  arbeit ohnparteiisch zu taxieren wurde der weltkundige Herr Joseph Anton Feichtmeier um ein Gutachten gebeten. Dieser fertigte einen Riss, nach welchem Herr Baumeister Schneider die Arbeit zu stellen hatte.“ Da Feichtmeier nach heutigen Begriffen die Rolle des Architekten übernahm, ist seine Handschrift deutlich zu spüren. Der Aufbau des Altares wird in der Überlieferung als das letzte Werk des bekannten Barockkünstlers betrachtet. Am 10. Juli 1772 konnte die Kirche, wie wir sie heute  kennen, vom Weihbischof der Diözese Konstanz eingeweiht werden.

Welche Mühen die Erbauung der Wallfahrtskirche auf dem Dreifaltigkeitsberg  zu  früherer  Zeit kostete, lässt sich an den folgenden Angaben ersehen: „Baustoffe wurden herbeigeführt: Steine 2860 Wagen  ‚aus dem steinbruch‘, 140 Wagen Tuffsteine von Egesheim, 135 Wagen von Neufra; Sand von ‚duttlingen‘ und Nendingen; Bauholz von Gosheim: Bretter und Latten von Spaichingen und Wehingen; Eichen für ein Kreuz aus Aldingen, Dürbheim und Mahlstetten; Ziegelsteine von Fridingen und Nendingen: Dachziegel vom Eichhof bei Aixheim. Die Fuhren erfolgten zumeist im Frondienst; bei jeder Fuhre erhielt der fahrende Bauer  1 Maß Wein und für 2 Kreuzer Brot…. Selbstverständlich wurden auch „Richtschmäuse“ gefeiert, so 1667, als die Kirch aufgerichtet war. Die Baukosten beliefen 1674 auf 8783 Gulden.

Was wäre „der Bau aus Stein“, wenn da nicht zu jeder Zeit „lebendige Bausteine“ (Paulus) am Werk gewesen wären,  Menschen, denen die Verehrung der „Heiligsten Dreifaltigkeit“ ein Herzensanliegen gewesen wäre! Im Jahre 1513 wurde die Kaplanei „ad altare SS. Trinitatis auf dem Baldenberg“ gestiftet. Der Kaplan hatte in der Pfarrkirche „das göttliche Amt helfen singen, sowie alle Wochen zwei heilige Messen in der Kapelle auf dem Baldenberg und zwei heilige Messen in der Pfarrkirche auf dem Liebfrauenalter zu lesen.“  Der letzte dieser Kapläne war Balthasar Rampf. Die Kaplanei wurde 1815 aufgelöst.  Die Wallfahrt auf den Dreifaltigkeitsberg drohte für immer zu erlöschen.  Der  Königliche Katholische Kirchenrat des Königs in Stuttgart wie  auch der Generalvikar  Wessenberg der Diözese Konstanz untersagten die Abhaltung von Gottesdiensten auf dem Dreifaltigkeitsberg. In Zuge der Aufklärung waren Wallfahrten und Prozessionen nicht mehr erwünscht. Erst  am 11. Mai 1849 konnte, nachdem Bischof Joseph Lipp  sein Einverständnis erklärt hatte,  wieder ein feierlicher Gottesdienst in der Wallfahrtskirche stattfinden unter der Voraussetzung, „dass dadurch der pfarrliche Gottesdienst an den Festtagen keinerlei Unterbrechung erleide“. Die Vikare in der Gemeinde hielten bis in das Jahr 1924 regelmäßig Gottesdienste in der Wallfahrtskirche. Pater Rupert Mayer, Vikar  1899 – 1900, war einer dieser  Vikare. Sein Dienst auf dem Dreifaltigkeitsberg  ist durch seine Unterschrift in einem  Notizbüchlein bezeugt. Die seelsorgerliche Aufgabe, die Wallfahrt auf den Dreifaltigkeitsberg zu begleiten und die Pilger zu betreuen, fand  am 25. April 1924 eine   überaus glückliche  Lösung. Der Katholische Stiftungsrat und die „Missionsgesellschaft der Söhne vom Unbefleckten Herzen Mariä“ schlossen einen Vertrag.  „Die Claretiner übernehmen die Betreuung der Wallfahrtskirche“, so lautet die für die  Wallfahrt auf den Dreifaltigkeitsberg  so wichtige Feststellung.  Mit  ihnen feiern in diesem Jahr  Menschen aus nah und fern das 600-jährige Jubiläum der Wallfahrtskirche auf dem „Baldenberg“  1415,  seit  1665 dokumentarisch bezeugt,  auf  dem „Dreifaltigkeitsberg“, dem „Berg“, wie  man in Spaichingen den Hausberg liebevoll nennt.

Am Sonntag, den 13. September findet in der Wallfahrtskirche um 9.30 Uhr mit Generalvikar Dr. Clemens Stroppel der Festgottesdienst statt. Die Jagdhornbläser  werden die „Herbstmesse“ spielen. Im Anschluss an den Gottesdienst findet das „Bergfest“ statt.

Fritz Mattes

Quellen:

Nachlass Dr. Winker: Handschriftliche Aufzeichnung „Dreifaltigkeitskapelle bzw. Dreifaltigkeitskirche auf dem Baldenberg (1483) bzw. Dreifaltigkeitsberg (1665) bei Spaichingen

„Chronik von Spaichingen“, 6. April 1841, Stadtpfarrer, Decanus  Dr. Hauschel

„Spaichinger Stadtchronik“, hrsg. Von der Stadt Spaichingen 1990